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Michael Sieger - Strategien der Verfeinerung
Mai 2008 Iserlohn. Grundsätzlicher Neubeginn oder subtile Veränderung im Detail? Zusammen mit Dornbracht diskutierte und erprobte Sieger Design unterschiedliche Wege, wie die archetypische Armatur TARA weiterentwickelt werden kann. Geschäftsführer Michael Sieger erklärt im Gespräch die wesentlichen Schritte zur Evolution des Klassikers TARA.
Die TARA und das Konzept der Verfeinerung
Die Weiterentwicklung der TARA hat einen langen Zeitraum in Anspruch genommen, welche Ideen standen dabei im Mittelpunkt? Von welchen Konzepten hat man sich rasch wieder verabschiedet?
Michael Sieger: Wir haben anfangs grundsätzlich überlegt, ob man TARA eher modifizieren oder eher verändern soll. Eine Möglichkeit wäre gewesen, einen neuen Archetyp zu entwickeln. Man hätte dafür andere Vorbilder als den Kreuzgriff finden können, die quietschende Pumpe etwa oder den Dreispitzgriff der 1950er Jahre. Allerdings wäre das ein ganz neues Produkt gewesen. Eine zweite Überlegung war, den Kreuzgriff neu und anders zu interpretieren, ihn noch feiner und minimalistischer zu machen. Doch die Gefahr bestand, dass wir uns den Epigonen angenähert hätten. Damit wären vielleicht nachfolgende Entwürfe – nicht alle sind Kopien, manche haben Eigenständiges geleistet zum Vorbild geworden. Das kam natürlich nicht in Frage. So entschieden wir uns für das Konzept der Verfeinerung.
Gibt es da Parallelen in anderen Gestaltungsbereichen?
Wenn man die TARA als ein dreidimensionales Markenzeichen für Dornbracht begreift, könnte man den Vergleich zu traditionellen Markenlogos ziehen. Diese werden oft über Jahrzehnte kaum merklich weiter entwickelt. Auch wenn es in letzter Zeit ein paar Ausreißer wie BP gibt, die radikale Schritte gehen: Normalerweise ist das ein langsamer, evolutionärer Prozess, bei dem die Veränderungen jeweils nur sehr dezent sind. Die Marken verhindern damit, dass ihr Logo veraltet und nur noch in einem großen Schritt zu aktualisieren ist.
Der Klassiker TARA
Welchen Vorgaben muss das Design dabei gerecht werden?
In der Zusammenarbeit mit Dornbracht ist das gegenseitige Verständnis sehr eng. Wir haben rasch gemerkt, dass es um Veränderungen im Bereich von Millimetern gehen würde, beim Griff um Zehntelmillimeter. Also haben wir uns die Zeit genommen verschiedene Ansätze durchzuspielen und auszuprobieren. Wir haben uns entschieden, charakteristische Details möglichst beizubehalten. Die ersten Griffe der TARA wurden noch von Hand gearbeitet, die Präzision der heutigen Kreuzgriffe war anfangs nicht denkbar. Worüber wir heute reden, das wäre anfangs nicht möglich gewesen.
TARA wurde seit ihrer Einführung hundertfach kopiert. Sie unterscheiden zwischen Kopien und Annährungen. Was bedeutet das?
Wir können heute über einen Klassiker TARA nur sprechen, weil es die erste ihrer Art war, die erste einer neuen Designgattung. Von einer Gattung kann man nur sprechen, wenn es auch andere gibt, die das aufgreifen. Da sind die sklavischen Nachahmungen. Die werden meist von Herstellern im Niedrigpreissegment angeboten. Sie sehen aus wie das Original. Ärgerlich, aber aus meiner Sicht weniger schädlich als die schlechte oder geschmacklose Kopie, die der Gattung schadet. Kämen viele schlecht gemachte Imitationen auf den Markt, würde man dieser Gattung insgesamt überdrüssig.
Dennoch: Scheinbar ohne Skrupel kopieren aber auch bekannte Designer und Hersteller. Ist das eine relativ neue Tendenz, oder ist der Spielraum für gestalterische Innovationen tatsächlich so klein?
Kopien sind ein Ärgernis, so viel steht fest. Dennoch halte ich es für legitim, sich als Designer an einer neuen Gattung zu beteiligen. Das Bestreben sollte allerdings sein, eine eigene Interpretation zu liefern. Würden wir das Nachahmen unter Strafe stellen, hätten wir und hätte die Industrie ein Problem. So schnell sind innovative Gattungen nicht aufzutun. Das war in der Designhistorie immer schon so, wenn man etwa an die Geschichte der Bugholz- oder Stahlrohrmöbel denkt.
Ist es für Sie schwieriger, einen Klassiker zu erschaffen oder ihn behutsam weiter zu entwickeln?
Es ist komplizierter den Klassiker zu erschaffen. Denn das ist nicht wirklich planbar. Da wir uns verstärkt mit Archetypen befassen, hilft das vielleicht mitunter. Aber letztlich macht der Markt den Klassiker und nicht der Designer und nicht der Hersteller. Man kann sich das dreimal vornehmen, wenn der Markt das Produkt nicht aufnimmt, wird nichts daraus.
...leichter und feiner...
Sind die Verfeinerungen für den Betrachter leicht erkennbar? Worin unterscheidet sich der Klassiker TARA in seiner neuesten Ausprägung von den Vorläufern?
Leicht erkennbar sind sie nicht, es war Teil der Aufgabe, das gar nicht weiter durch Designdetails hervorzuheben. Wir wollten dafür sorgen, dass man sich diese Frage gar nicht stellen muss, sondern die TARA als etwas leichter und feiner empfindet. In vielen Bereichen unseres Lebens werden Dinge kleiner und feiner. Dem folgt die TARA. Mit deutlicheren Eingriffen hätten wir diesen Archetyp verlassen.
Sie beobachten seit Jahrzehnten die Veränderungen des Produktdesigns und den Stellenwert der Armaturen im Bad. Was sind dabei die wichtigsten langfristigen Trends, was die aktuellsten Veränderungen?
Die 1980er und 1990er Jahre waren davon geprägt, die Armatur als Objekt schön zu machen, relativ unabhängig von ihrer Funktion. Ähnliches galt für Leuchten oder Wasserkessel. Auch wir haben uns an dieser Entwicklung beteiligt. Objekte wurden relativ isoliert betrachtet. Die Funktion der Armatur, die Bedeutung des Wassers und seiner Zustände spielte dabei keine Rolle. Heute setzen wir uns mit dem Element Wasser auseinander. Wenn man es anders fließen lässt, wissen wir heute, fühlt es sich anders an. Inzwischen folgt das Design unterschiedlichen Darreichungsformen. Wir werden durch das Design der Armaturen künftig noch mehr auf den Wert des Wassers als eines unserer wichtigsten Elemente aufmerksam machen.


